10.12.2013

Album Review | AMARANTHE - Amaranthe

Veröffentlichung: 13. April 2011
Genre: Modern Metal/Melodic Death Metal

"Ja, was ist denn das?" hat sich wohl mancher Metalhead gefragt, als er diese Scheibe in die Hände bekam. Mir ging es nicht anders, als ich Amaranthe zum ersten Mal gehört habe. "Komisch", dachte ich mir. Aber ihr Debütalbum habe ich trotzdem ohne zu überlegen bestellt und dafür die 5 CD-Box von The Sisters Of Mercy aus dem Warenkorb geschmissen. Und heute weiß ich auch, warum mich Amaranthe damals überzeugt haben und es heute noch immer tun.
Ja, Amaranthe erscheinen mir beim ersten Anhören etwas unkontrolliert. Aber es hatte etwas, was mich irgendwie berührte. Von Gefühl her etwa wie damals, als ich zum ersten Mal Evanescence gehört hatte.

Nach mehreren Durchgängen hört man die Virtuosität der einzelnen Musiker heraus. Die Musik aber, die sie schreiben, ist auf keinen Fall einem Genre angepasst. Jeder bringt mit, was er kann: Death Metal-Vocals, Bass und Drums von den talentierten Andy Sölvestrom, Johan Andreassen und Morten Lowe Sorensen, Power Metal-Gitarrenriffs und Keyboardharmonien von Co-Produzent Olof Mörck, Power Metal-Vocals mit ganz viel Gefühl von Jake E Lundberg und nicht zuletzt die Pop/Elektroharmonien, Backing-Vocals und Lead-Vocals von Koloratursopran Elize Ryd. Und ja, man könnte dieses Album durchaus mit Pizza, Schokolade, rohem Fisch und Kuchen auf einmal vergleichen. Aber wie so oft klingen die abgefahrensten Mischungen richtig genial. Auch bei Amaranthe ist dies der Fall.

Soweit, sogut, es gefällt. Wenn man das Album allerdings etwas näher unter die Lupe nimmt, merkt man, wie da gearbeitet wird. Bei Amaranthe stehen eindeutig die Harmonien, der Gesang und die Melodie im Vordergrund, was für die Pop-Seite spricht. Aber auch die Metal-Seite ist hier gut mit dabei: Genial gespielte Drums, gute Riffs und vor allem sehr klare und kontrollierte Growls. Allerdings sehe ich in den Instrumentalparts keine allzu große Individualität - es ist schlichter 08/15-Death Metal. Die Melodien werden ja schließlich durch Keyboard und Synthesizer erledigt. Schlecht? Nicht unbedingt. Es klingt ja gut.

Wie wirkt aber das Ganze? Jeder Song hat Ohrwurm-Faktor. So etwas habe ich bei Metal niemals zuvor erlebt, da verspüre ich doch plötzlich den Drang, zu tanzen und gleichzeitig headzubangen. Und viel gibt es dazu eigentlich kaum zu sagen - von Leave Everything Behind bis zu a Splinter In My Soul sitzt jeder Song perfekt und nach dem gleichen Konzept. Einzig und allein der Song Amaranthine ist ruhiger, der Rest ist schön heavy gehalten. Amaranthe ist das Verschmelzen der einzelnen Genres perfekt gelungen.
Eine Sache gibt es da auch noch zu erwähnen: Jedes Mal, wenn ich mir dieses Album anhöre, durchströmt mich eine Art Freude, dass ich am liebsten die ganze Welt umarmen würde. Die Musik macht mich glücklich, und zwar bei jedem Mal anhören. Dieses Gefühl habe ich nur bei wenigen Bands. Ein ähnliches Gefühl bekomme ich immer, wenn ich Acht höre und mich an das tolle Konzert erinnere. Ohne Witz, ich weiß nicht, was das ist, aber es ist gut. Und wenn mir eine Band so ein Gefühl liefern kann, dann weiß ich auch, dass mir die Musik auch für immer am Herzen liegen wird.

Und ja, Amaranthe sind umstritten. Denn vom Konzept her gleicht ihre Musik mehr der Popmusik als dem Metal. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass Amaranthe richtig gefeiert werden würden, wenn sie die Instrumentalparts mehr ausarbeiten und diese nicht nur als Begleitung zum Gesang einsetzen würden. Allerdings müssten dann die Elektro-Harmonien weg. Und dann wäre es nicht mehr Amaranthe, sondern eine Art Soilwork- oder Children Of Bodom-Nachmache mit drei Vokalisten. Hm, schwierig.

Bei dieser Band und bei diesem Album kann ich eins sagen: Wem's taugt, super. Wem nicht, auch gut. Mir ist klar, dass die Schweden anders ans Gesamtkonzept hätten herangehen können. Aber ich liebe sie trotzdem.
Es ist schwierig, denn ich feiere diese Band total dafür, dass sie etwas Neues erschaffen hat. Und ich versuche wirklich, die Schwächen zu finden. Und ja, ich gebe jedem Recht, der mir ihre Schwächen aufzählt. Aber auch jedem, der sie lobt. Denn bei Modern Metal hängt es sehr vom Geschmack ab, ob man etwas gut oder schlecht findet. Es ist doch wie damals, als Nu Metal aufkam: Keiner war zuvor auf die Idee gekommen, dass Rap und Metal zusammen gut klingen könnten. (Natürlich gibt es da auch Ausnahmen.) Man muss sich eben nur darauf einlassen. Und so ist es auch mit Amaranthe. Und ich garantiere euch: Wenn ihr euch darauf einlasst, dann wirkt es wie eine Droge. Man kommt nicht mehr von der Musik weg. Ich weiß es doch. Konnte ich bei mir und dann schließlich auch bei anderen beobachten.

Mein Review zu "The Nexus" findet ihr übrigens hier.

Wertung: 8/10
Highlights: Amaranthine, Call Out My Name, Director's Cut