29.06.2014

Album Review | DISTORTED HARMONY - Chain Reaction

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Veröffentlichung: 9. Juli 2014
Genre: Progressive Metal

Israel ist ja nicht so wirklich der größte Heavy Metal-Markt. Das soll Progressive Metaller DISTORTED HARMONY aber nicht davon abbringen, ihr Ding durchzuziehen (warum denn auch?). Ganz ohne Label und Public Relation-Firmen haben sie es geschafft, ihr bereits zweites Werk abzuschließen und der Welt davon zu erzählen. Ab dem 9. Juli wird "Chain Reaction" international (!) erhältlich sein. Vorab gibt es schon eine Single (mein Review hier) zum Anhören. Es ist im Jahr 2014 nicht ungewöhnlich, als Metalband nicht nur Metal zu spielen. Und das ist sehr gut so. DISTORTED HARMONY sind so eine Band. Wie schon bereits in meinem vorigen Review erwähnt, hört man alle möglichen Einflüsse heraus, sei es moderner Jazz, Fusion, Neoklassizismus oder Prog Rock à la Yes.

"Chain Reaction" weist allerdings ein paar Unterschiede gegenüber dem Debüt auf. Eigentlich mochte ich die verstärkten klassischen Elemente auf "Utopia", das finde ich dann doch ein bisschen schade, dass dieser Stil durch Moderne eingetauscht wurde. Während ein paar Songs auf "Utopia" aber doch recht stark nach Dream Theater klingen, scheinen die Israeli ihrem eigenen Stil näher gekommen zu sein, und dieser scheint in die moderne Richtung zu gehen. Die Songlänge ist von teilweise zwölf Minuten beim längsten gleichnamigen Song von "Utopia" auf acht Minuten beim längsten Song "Misguided" vom aktuellen Album geschrumpft, was den Longplayer sofort eingängiger macht. Aber nicht nur dadurch überzeugt das Album schon nach nur einem Durchgang (was für meine Verhältnisse und bei Prog recht flott ist): Durch die Fusion- und Jazzanlehnung klingt das ganze Werk durchgehend offen und der Bogen bleibt über die ganze Albumlänge gespannt. Der Gesang ist während manchem Refrain sehr mitreißend und nimmt einen sofort mit. Die Stimme des Sängers ist sehr angenehm, wenn ich auch höre, dass da noch ordentlich Luft nach oben ist, was Power angeht. Der weiche Kopfgesang hat zwar auch seine Vorzüge, aber ich denke an Sänger wie Tommy Karevik, die, was die hohen Lagen angeht, richtig Gas geben. Kann ich mir auch bei DISTORTED HARMONY gut vorstellen, dass das gut harmonieren könnte.
Wäre aber natürlich langweilig, wenn das alles wäre. DISTORTED HARMONY haben ihren Namen nicht umsonst gewählt, denn sie können heavy sein und letztendlich geht es im Metal ja seit gut 40 Jahren genau darum. Die Riffs sind mal dunkel oder mal verspielt, und obwohl sie progressiv sind, sind sie nichts absolut Absurdes, was sofort abschreckt, aber doch im richtigen Maße anspruchsvoll, sodass das Album auf lange Sicht überzeugen kann.
Auf "Chain Reaction" geht es aber meinen Ohren nach nicht vorrangig um besonders viele Riffs, die einem den Kopf zerfetzen, sondern viel mehr um die Harmonie zwischen all den verschiedenen Stilen, die die Musiker in ihre Musik stecken. Und der Schuss kann ganz leicht nach hinten losgehen, man muss nämlich schon einiges musikalisches Know-How haben, um bei so vielen verschiedenen Melodien überhaupt erst einmal den Überblick zu behalten. Es ist sehr lobenswert, was diese junge Band kann, denn sie blickt nicht nur durch. Metal und andere Einflüsse sind im Einklang, während es mal langsamere, mal schnellere und heaviere Songs gibt. Ich finde es vor allem bemerkenswert, dass die Qualität eines Songs nicht davon abhängt, ob er härter oder balladesk ist. Die akustische Ballade "As You Go" zum Beispiel ist absolut wunderbar geworden und nicht so lala, wie bei so vielen Bands, die nur vor sich hin krachen können und sonst nichts. Erwähnenswert ist auch das Keyboardspiel, das eine breite Palette an verschiedenen Sounds bietet, mal klassisches Piano, mal moderne Klänge.
Die Produktion ist genauso sehr gut gelungen, vor allem für ein selbstproduziertes Album. (Nochmal, nehmen Sie sich ein Beispiel dran, Herr Tolkki ...)

All diese Stärken sollten DISTORTED HARMONY endlich nach oben in die Metal-Szene katapultieren. Sie sind eine junge und originelle Band, die es sicher schafft, durch ihre Vielseitigkeit ein breites Publikum in der Zukunft anzusprechen, aber trotzdem technisch anspruchsvoll zu bleiben. Ich kann mir einen Großteil der Songs auf "Chain Reaction" als geniale Live-Tracks vorstellen, die mal zum Mitsingen anregen und einen im nächsten Moment headbangen lassen. So soll Prog im anno 2014 klingen, modern und doch klassisch und hinter der Musik soll eine Band stehen, die sich nicht davor scheut, alles zu tun, was sie will. Und obwohl eigentlich fast alles richtig gemacht wurde, höre ich, dass es noch weiter und noch höher geht.
Meine absoluten Highlights des Albums sind die Single "Hollow", die ich seit Tagen fast in Dauerschleife höre, und das etwas härtere "Natural Selection", das anspruchsvoll und gleichzeitig eingängig ist - eine für mich fast unfehlbare Mischung.
Falls hier gerade ein Prog-Liebhaber liest, dann sollte er dieses Album sofort bestellen. Wenn ich als hochnäsige, immer nach Fehlern suchende Sadistin das gut finde, was eine so junge Band produziert, die in dieser Formation erst seit drei Jahren unterwegs ist, dann muss sie ja etwas richtig gemacht haben.

Wertung: 8/10
Highlights: Misguided, Natural Selection

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