08.07.2014

Album Review | THE FRANCESCO ARTUSATO PROJECT - Chaos And The Primordial

(c) Sumerian Records
Veröffentlichung: 28. Juni 2011
Genre: Progressive Metal/Instrumental

Es scheint, als würden dem seit ein paar Jahren in der Metal-Szene aufstrebenden Gitarristen Francesco Artusato nicht so einfach die Ideen ausgehen und dass er, selbst wenn er in der durchaus zu beachtenden Band All Shall Perish spielt, einen Monat vor der Veröffentlichung des Band-Longplayers noch sein Solowerk auf den Markt bringen kann. Es gibt ja so tollwütige Musiker, die anscheinend zu viel Musik in ihren Köpfen herumspuken haben. Davon kann man natürlich schön profitieren.
Im Falle Artusato sieht das Ganze recht positiv aus. Wo bei All Shall Perish kein Platz für Solos und sonstigen Gitarrenwahnsinn bleibt, kommt THE FRANCESCO ARTUSATO PROJECT ins Spiel. Mit seinem Soloprojekt kann er sich schön austoben, ohne, dass es ihm irgendwer übelnehmen könnte.

Ich hatte nicht geglaubt, dass man ganze 50 Minuten tatsächlich nur mit reinem Geschredde füllen könnte. Als ich mir das Solodebüt zum ersten Mal anhörte, hatte ich eigentlich in meinem kleinen Köpfchen gedacht, dass es irgendwo, ganz versteckt und nur dosiert eingesetzt auch Gesang oder zumindest etwas in Richtung Keyboards, eingebettete politische Reden und computergesteuerte Begleitung geben würde. Nun, genau das hat Artusato nicht getan. Fast eine ganze Stunde gefüllt mit E-Gitarren-Musik bietet er auf "Chaos And The Primordial". Aber die Annahme, dass der Longplayer langweilig werden könnte, ist falsch.
Es ist erstaunlich, wie er bereits einen unverkennbaren Sound entwickelt hat, den man auch auf dem letzten All Shall Perish-Album verglichen mit den vorigen Werken sofort bemerkt. Artusato war eben nicht umsonst auf dem Berklee College Of Music. Das Album enthält alles, was man sich von einem technisch begabten Gitarristen wünschen könnte, von tiefen Death-Riffs bis zu Melodien in höheren Lagen, das alles verpackt in Polyrythmik. Durch spannungsgeladene Passagen, die mal durch schnelle Staccato-Technik oder intensive Melodien geprägt sind, bleibt die Abwechslung erhalten.

Trotzdem scheint sich das Album erst ab Track vier richtig in meinem Kopf einnisten zu wollen, der Beginn wirkt an sich ein wenig zu plötzlich. Im Großen und Ganzen scheint Artusato also leider ein kleines songwriterisches Problem zu haben. Nicht, dass das Album schlecht oder dass Artusato plötzlich doch kein guter Gitarrist wäre. Das ist es auf keinen Fall. Aber irgendwann scheint alles nur noch gleich zu klingen, als ob sich die Töne wiederholen würden. Und mein Kerngedanke bei einem Soloalbum ist noch immer, dass man letztendlich alles machen kann, ohne andere Bandmitglieder berücksichtigen zu müssen. Man muss Songs nicht so konstruieren, dass man Gesangslinien darüber schreiben kann. Man kann jeden Mist machen, auf den man Lust hat, interessante Intros basteln, ein minimalistisches Orchester hätte ich wunderbar gefunden, oder den Wechsel von der E-Gitarre zur klassischen Gitarre für eventuell spanisch angehauchte oder bluesartige Songs. Theoretisch geht noch viel mehr als das, was Artusato vorführt. Er zeigt sein Können als Gitarrist, spielt manchmal so schnell, dass man beim ersten Anhören total begeistert ist, aber auf Dauer verwandelt sich das Album stellenweise in Brei. Aber allein schon, was verschiedene Modes und Tonarten angeht, hätte er mehr machen können. Dann gibt es so viele Licks auf dem ganzen Griffbrett verteilt, dass man sich die Finger wund spielen kann. Ich vermisse auf diesem Album ganz einfach ein wenig Leidenschaft. Das Spiel hört sich manchmal an wie Gesang ohne Gefühl und das ist schon schade.

Es gibt trotz allem bemerkenswerte Songs wie "Gardens Of Yama" oder "Ceased Time". Das Interlude "Pour L'egyptienne" hätte ehrlich gesagt ein überdurchschnittlicher vollständiger Song werden können, der Ansatz in die orientalische Richtung ist nämlich lobenswert. Ich hätte mir gewünscht, dass dieser fortgesetzt worden wäre.
Aber bitte schaut nicht alle gleich auf die Wertung und denkt euch, dass das einfach Durchschnitt ist, denn Artusato ist kein durchschnittlicher Gitarrist. Was er tut, beherrscht er gut, es fehlt jetzt eigentlich nur noch mehr Erfahrung als Songwriter. Genauso finde ich, dass er sich vielleicht mehr um die einzelnen Songs kümmern sollte und nicht um sei ewig schnelles Geschredde. Das kann er nämlich schon. Wir werden ja sehen, was er uns liefert mit seinem nächsten Soloalbum, das sogar schon dieses Jahr erscheinen wird.

Wertung: 6/10
Highlights: Ceased Time, Gardens Of Yama, The Madness Of ...