12.11.2014

Album Review | VANISHING POINT - Distant Is The Sun

Erscheinungsdatum: 21. Februar 2014
Genre: Power Metal/Progressive Rock

Es gibt einige Gründe, warum mich Vanishing Point noch vor wenigen Wochen beim allerersten Anhören packen konnten. Einer davon war Silvio Massaros originelle und wohlklingende Stimme. Ein zweiter war die Fähigkeit der australischen Band, extrem viel Melodie in ihre Musik einzubauen, dabei jedoch relativ progressiv zu bleiben und nicht, wie manche ihrer Kollegen, in der Käse-Kitsch-Abteilung zu landen. Ihr 2000 erschienenes Werk "Tangled In Dream" gehört neben "The Fourth Season" zu meinen aktuellen Lieblingsalben. Ich habe jedoch bei manchen Songs das Gefühl, dass etwas fehlt. Umso gespannter war ich zu hören, wie die Australier anno 2014 klingen würden. In welche Richtung würde es gehen, melodischer Power Metal, eher atmosphärischer Prog Rock, oder vielleicht beides?

In "Distant Is The Sun" steckt klar viel Arbeit und Mühe. Die Songs klingen abwechslungsreicher als früher und dank des Orchester-Einsatzes ist der Gesamtklang des Albums größer, bombastischer und melodischer denn je.
Das Album beginnt mit einem instrumentalen Intro. Eine mehr oder weniger unspektakuläre Minute an Gitarrengeschredde vom ersten Song "King Of Empty Memories" abzutrennen ist vielleicht nicht allzu sinnvoll gewesen, aber so bleibt die Essenz des bereits erwähnten Songs erhalten. "King Of Empty Memories" ist ein kraftvoller Opener, der bereits die musikalische Richtung des Albums verrät. Es geht wohlgemerkt in die härtere Richtung, wobei das wieder mit noch viel Melodie als davor ausgeglichen wird. Als Produkt bekommt man ein sehr melodisches und dennoch vielschichtiges Album. Das Spektrum reicht von heavieren Power Metal-Nummern wie "Circle Of Fire" bis zu intensiven und epischen Mid-Tempo (bis langsamen) Songs wie beispielsweise "Story Of Misery" oder "Let The River Run".

Wie es die Australier schaffen, progressive und bis zu einem gewissen Grad technisch anspruchsvolle Musik mit so viel Melodie zu kombinieren, ist mir fremd, aber sie können es, und das wie keine anderen. Entscheidend ist, dass der Stil auch bei "Distant Is The Sun" trotz Hook nach Hook, sei es im Gesang, in der Gitarrenlinie oder im Keyboardspiel, niemals in die Pop-Richtung geht.

Vor allem Sänger Silvio Massaro weiß seine Stimme sehr wohl einzusetzen und den verschiedenen Stimmungen anzupassen. Was mich an ihm schon immer minimal gestört hat, ist sein ewiger Background-Singsang, der ja an sich nicht schlecht klingt, aber manchmal einfach deplatziert ist. Wer so ein guter Sänger ist, braucht in hundert Jahren nicht so viel Unterstützung. Man muss dazu aber auch sagen, dass sich das mittlerweile gebessert hat, auf "The Fourth Season" war massiv mehr Backgroundgesang zu hören. Ich kann mir aber nach wie vor nicht helfen, trotz allem wird mich dieser wunderbare Gesang immer wieder packen.

All diese positiven Aspekte kann ich aber nicht einfach so stehen lassen, ohne die Gegenseite zu betrachten. Mit einer guten Stunde Laufzeit und 14 Songs ist das Album schlichtweg zu lang. Das ist in dem Moment problematisch, wenn die Masse der Songs gerade so über die Vier-Minuten-Marke kommt und ab Titel 10 alles nur noch irgendwo in den Hintergrund tritt und keinen mehr interessiert. Da hätte man sich die Arbeit für vier neue Songs sparen und dabei manch andere, eher unspektakuläre Tracks mehr ausarbeiten können. "Circle Of Fire" habe ich mir gigantisch vorgestellt, mit Gastsänger Tony Kakko hätte man sicher etwas besseres schaffen können. Manchen Titeln fehlt einfach der richtige Groove oder etwas, woran sich die Ohren festhalten könnten, wie bei beim vielversprechend anfangenden "Denied Deliverance" oder vor allem gegen Ende des Albums.

Nichtsdestotrotz haben Vanishing Point das gewisse Etwas, das einen dazu bringt, ihre Alben immer wieder anzuhören, und das haben sie auch mit "Distant Is The Sun" perfekt hinbekommen. Bei manchen Bands ist man pingeliger, was das Songwriting angeht, bei dieser hier mag ich eigentlich gar nicht so sehr auf die kleinen Unebenheiten sehen und einfach die gute Musik genießen. Genauso, wie ich für immer einen leicht schief singenden, nach Luft ringenden, betrunkenen Ville Valo feiern werde, werde ich Vanishing Point weiterhin zu meinen Lieblingsbands zählen.
Dieses Album ist gelungen - Perfektion wird in diesem Fall wirklich überbewertet.

Highlights: Let The River Run, Story Of Misery, King Of Empty Promises
Wertung: 8/10